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ZT | Ausgabe 36 — Q2/2016

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Der CEO Coach - Wirksames Coaching von Führungskräften

»Die Zeit der digital

»Die Zeit der digital natives bricht gerade erst so richtig an.« jedoch nicht recht aufkommen. Umso interessanter scheinen indes die negativen Folgen auf die freie Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit des Users zu werden, die mit der datenbasierten Empfehlungsmaschinerie entstehen. Kein Recht auf Zufall, nirgends Wie sind wir eigentlich früher auf großartige Musik gekommen? Nach 1980 Geborene können sich kaum vorstellen, wie zur Hölle man früher seinen Musikgeschmack ohne die Hilfe von Online-Diensten ausprägen, wie man großartige Filme entdecken oder leckere Rezepte nachkochen konnte. Ohne chefkoch.de? Selbst altgediente Pfadfinder vertrauen kaum mehr auf die eigene Ortskenntnis und geben den Dorfbäcker lieber nochmal im Navi ein. Ich kenne Menschen, die ernsthaft kein Restaurant besuchen würden, das keine Mindestanzahl an Empfehlungen bei Yelp nachweisen kann. »Ich bestätige bei LinkedIn deine Kenntnis in high demand challenge resilience, wenn du meine in extended corporate responsibility awareness bestätigst. Auch wenn wir eigentlich nur mal gleichzeitig nach einer Brezel auf Tagung x gegriffen haben.« Bei einem Kurztrip in Marseille schlenderte ich in den Tag hinein, so dachte ich. Bis mein Begleiter sagte: “Hinter der nächsten Ecke rechts kommt ein Riesenrad, cool!” Er scannte tatsächlich unseren Spazierweg in Echtzeit per Google Maps vor. Und verstand meine Empörung kein Stück. Ich fühlte mich hart um mein Recht auf Taugenichts-Zeit im Urlaub betrogen. Wann, wenn nicht während der quality time, soll man den Lauf der Dinge nicht auch kurz dem Zufall überlassen und einfach mal schauen, was passiert? Ein besonders deutlicher Ausdruck fröhlicher Abgabe jeden Vertrauens in gute Sterne und die eigene Intuition sind Datingportale. Hier kann man, um ja keinem Mismatch in die Falle zu gehen, zwischen meterlangen Fragenkatalogen zur Gewährleistung der perfekten Übereinstimmung und dem Wisch-und-Weg-Dienst Tinder wählen. Hier trifft man sekundenschnelle Entscheidungen ausschließlich auf Grundlage eines Fotos. Welchem Job sie oder er nachgeht, welche Hobbys sie oder er hat - geschenkt. Ich möchte Sicherheit darüber haben, ob mir die Person optisch gefällt, bevor ich ihr erlaube, mit mir in Kontakt zu treten. Bitte keine Überraschungen, bitte keine Unwägbarkeiten. Full control. Aber sind es nicht gerade die ungeplanten Begegnungen, die spontanen Partys, die Zufalls-Kuriositäten, die das Leben spannend machen und in der Summe Glück bedeuten? Eine Mehrheit scheint das zunehmend zu verneinen und genau die evidenzbasierte Vorkalkulation aller Freizeitaktivitäten wahnsinnig zu schätzen. Da weiß man, was man kriegt, oder so ähnlich. Aufgabe von Zufall für ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle über das eigene Leben scheinen populär zu werden. Und die Zeit der digital natives bricht gerade erst so richtig an. Empfiehlst du mich, empfehl ich dich Das schnelle Entscheiden auf Grundlage von Empfehlungen ist längst auch auf digitalen Plattformen rund um den Beruf und die Repräsentation der professionellen Identität zu beobachten. Ich bestätige bei LinkedIn deine Kenntnis in high demand challenge resilience, wenn du meine in extended corporate responsibility awareness bestätigst. Auch wenn wir eigentlich nur mal gleichzeitig nach einer Brezel auf Tagung x gegriffen haben. Auch kann hier eine persönliche Empfehlung für die professionelle Person in Gänze oder für gemeinsam erfolgreich durchgeführte Projekte hinterlegt werden, etwa durch frühere Kollegen. Inwiefern dabei nur ein gegenseitiges Schmeicheln oder eine digitale Klüngel-Verlängerung stattfindet statt ehrlicher Einschätzung, bleibt jedoch im Dunkeln. Recruiter indes können hier bequem filtern und sich mangels belastbarer oder gar objektivierter Personal-Recruiting-Systeme ein Bild der Arbeitsperson machen. Ein Bild freilich, dass 38 | Zukunft-Training • 2. Quartal 2016

der Nutzer selbst von sich zeichnet. Aber die anderen machen es doch genauso. Es macht Spaß, die eigenen Leistungen in einer attraktiven Maske chronologisch zu sortieren, Claims und Markenlogos hochzuladen, die berufliche Vergangenheit zumindest optisch noch ein bisschen aufzuwerten. Was mit den Leuten ist, die keine Empfehlungen haben oder gar komplett bei LinkedIn, Xing etc. fehlen? Selbst schuld. Hey, eine neue Kontaktanfrage! Empfehlungsmarketing, du alter Freund mit Facelift Vor dem Hintergrund allgegenwärtiger Rankings, Empfehlungen und Votings überrascht es wenig, dass auch im Marketing seit einigen Jahren verstärkt auf ein ähnliches Konzept gesetzt wird. Empfehlungsmarketing wird dadurch wirksam, dass Aussagen, die nicht vom Anbieter selbst kommen, sondern von dessen Kunden bezeugt werden, bei potenziellen Kunden glaubwürdiger ankommen. Klar, die Glaubwürdigkeit des anbiedernden Homeshopping-Werbesprechs á la “Ja, Sie haben richtig gehört, was für ein unglaubliches Angebot!” wird nur noch als Parodie wahrgenommen (was viele Unternehmen nicht davon abbringt, weiterhin ähnlich zu werben). Lilli Iliev ZT-Redakteurin Lilli Iliev, geboren 1985, arbeitet als ZT-Redakteurin und Lektorin sowie bei einer NGO, die sich für freien Zugang zu Informationen und Daten aus Politik, Kultur, Bildung und Wissenschaft einsetzt. Nach ihrem Studium der Literaturwissenschaft und Slavistik war sie 6 Jahre im kulturpolitischen Bereich tätig. Nun arbeitet Iliev leidenschaftlich an Form und Inhalt von Texten sowie für mehr Mut und Engagement beim Gestalten des digitalen Wandels - ob in Kulturinstitutionen, Redaktionen oder in der Weiterbildungsbranche. Für Zukunft-Training verfolgt sie interessante Entwicklungen, die unsere Arbeitswelt im Zuge der Digitalisierung verändern. Sie lebt und arbeitet in Berlin. www.zukunfttraining.de Neue Strategien müssen her, die einen aufgeklärten, mündigen Kunden voraussetzen und seine Entscheidungskompetenz respektieren. Denn längst können im Superlativ formulierte Qualitätsversprechen per Klick oder Handy-Scan am Produkt durch Onlinedienste geprüft und Preise mit anderen verglichen werden. Wobei auch hier ein objektives Ergebnis mangels transparenter technischer Lösungen meist Behauptung bleibt. Durchsetzen wird sich daher zunehmend eine vermeintliche Rückbesinnung auf “echte” Erfahrungsberichte durch andere Konsumenten. Sichtbar wird diese Entwicklung auch durch Netz-Trends wie das “Unboxing”

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